Für aktive Anleger sind die Schwellenländer ein erstklassiges Revier

Der Mangel an Transparenz und Kommunikation, der vielen Unternehmen in den Emerging Markets vorgehalten wird, macht diese Länder zu einem idealen Revier für erfahrene aktive Fondsmanager

 

Lange sind die Emerging Markets (EM) von Geldverwaltern wenig beachtet worden. Politische Instabilität, wirtschaftliche Unsicherheit und volatile Börsen schienen gegen sie zu sprechen. Manche Anleger betrachten diese Märkte noch heute als rein kurzfristiges taktisches Investment.

Ben Robins, Portfoliospezialist bei T. Rowe Price, ist da ganz anderer Meinung. „Das ist eine sehr traditionelle, stereotype Vorstellung, die mit den Schwellenländern, wie sie sich heute als Anlageklasse präsentieren, nur wenig zu tun hat. Es wird Zeit, dieses überkommene Denken und diesen Irrglauben zu überwinden.“ Laut Robins finden aktive Anleger in den Schwellenländern vielfältige Möglichkeiten, von kurzfristigen Renditen ebenso wie von langfristigem Kapitalwachstum zu profitieren.

„Wer die vorhandenen Möglichkeiten voll ausschöpfen will, kann sich nicht mit einem passiven Ansatz begnügen. Schwellenländeraktien sind wie verborgene Juwelen – schwer aufzuspüren und noch schwerer zu erkennen, wenn man sie gefunden hat.“

Scott Berg, Portfoliomanager bei T. Rowe Price

Angesichts der Unterschiede bei Liquidität, Bewertungen und Unternehmensführung kann man wohl zu Recht sagen, dass die Risiken in den Schwellenländern größer sind als in den Industrieländern. Auch die rechtlichen Rahmenbedingungen können unsicher sein, und Anleger erfahren nicht immer so leicht, wie sie sich in dem fremden Investmentumfeld verhalten müssen. Der Mangel an Transparenz und Kommunikation auf Seiten der EM-Unternehmen kann es für ausländische Anleger schwer machen, die Spreu vom Weizen zu trennen. Wer nur in den Index investiert, setzt möglicherweise auch auf Unternehmen mit Eigentümerstrukturen, die nicht auf die Interessen von Minderheitsaktionären ausgerichtet sind, oder auf solche, denen es an einem soliden Interesse an ESG-Themen (Umwelt, Soziales, Unternehmensführung) mangelt.

Achtung, Informationslücke

Scott Berg, Portfoliomanager bei T. Rowe Price, hält die Fähigkeit, gründliche Analysen vorzunehmen und erstklassige Unternehmen mit niedriger Verschuldung und erprobtem (möglichst über mehrere Konjunkturzyklen) Management ausfindig zu machen, für essentiell. Ausreichende Ressourcen und eine Researchplattform, die Branchen- und titelspezifische Analysen erfolgreich zu einem Gesamtbild zusammenfügen kann, sind dafür unverzichtbar. Das gilt ganz besonders in den Schwellenländern, wo die Abdeckung durch Analysten manchmal lückenhaft ist und Informationen weniger leicht verfügbar sind als in den Industrieländern. Negative Schlagzeilen nähren Kursanomalien.

„Es mag kontraintuitiv erscheinen, aber für aktive Anleger ist die ineffiziente Marktabdeckung durch Analysten letzten Endes ein Vorteil. Anders als passive Anleger können wir uns tiefere Einblicke verschaffen und spezifische Situationen und Sektoren aufspüren, in denen höhere Renditen winken“, sagt Berg.

Die Informationsasymmetrie ist jedoch nicht der einzige Grund, warum Schwellenländer für passive Anleger ein schwieriges Terrain darstellen. Im Unterschied zu aktiven Anlegern kommen passive Investoren, bedingt durch ihren individualistischen Anlagestil, auch nicht in den Genuss von Teamsynergien.

„Wo der Zugang zu Informationen begrenzt ist, gewinnt Teamarbeit zusätzlich an Bedeutung“, glaubt Berg. Er ermuntert die Aktien- und Anleiheteams ausdrücklich zur Zusammenarbeit, beispielsweise durch den Austausch von Researchergebnissen. „Anleihespezialisten können, wie auf der Aktienseite manchmal gesagt wird, eine Art ‚Wettervorhersage‘ erstellen. Häufig werden deshalb in den Aktienabteilungen die Top-Down-Analysen der Anleiheteams genutzt“, erläutert er.

Ein passiver Ansatz kann die wahren Chancen nicht ausschöpfen

Ein passiver Ansatz wird weder den Herausforderungen noch den Chancen in den Schwellenländern gerecht. Die reine Nachbildung eines Index kann in den Emerging Markets, die im Gegensatz zu den homogeneren Industrieländern ein breites Spektrum von Wirtschafts-, Finanz- und politischen Systemen verkörpern, die Möglichkeiten spürbar einschränken. Simples Nachahmen eines Index wird dieser Diversität nicht gerecht, und Anlegern wird die volle Bandbreite der Gelegenheiten verwehrt, mit denen die Schwellenländer auf der Branchen- ebenso wie auf der Länderebene aufwarten können.

Nicht nur sind vielversprechende junge Sektoren wie Fintech und Healthtech oft unterrepräsentiert, sondern in der Regel ist in den Indizes auch nur eine kleine Gruppe von Schwellenländern vertreten. So entfällt beispielsweise auf fünf Länder ein Anteil von mehr als Dreiviertel am MSCI Emerging Markets Index. Am stärksten gewichtet sind China, Taiwan und Südkorea, dicht gefolgt von Indien und Brasilien.

Hinzu kommt, dass Indizes in die Vergangenheit blicken und sich oft nur langsam an veränderte Verhältnisse anpassen. Für Anleger ist es wichtig, stets über aktuelle Trends Bescheid zu wissen und die besten Gelegenheiten zu erkennen.

Ein aktiver Ansatz kann nützlich dabei sein, diese Aufgaben offen anzugehen und zugleich die Klippen zu umschiffen, die bei Anlagen in den Schwellenländern lauern. „Wer das Spektrum der Möglichkeiten voll ausschöpfen will, kann sich nicht mit einem passiven Ansatz begnügen“, sagt Berg. Schwellenländeraktien sind wie verborgene Juwelen – schwer aufzuspüren und noch schwerer zu erkennen, wenn man sie gefunden hat.“

Im derzeitigen Umfeld kann ein aktiver Ansatz auch eine Menge zusätzlicher Erkenntnisse beisteuern, etwa bei der Beurteilung der Verfassung von Unternehmen, die sich in der Krise befinden, und der Einschätzung ihrer langfristigen Aussichten in einer Welt, die sich rapide verändert.

Man muss wissen, was man will

Letzten Endes geht es um fundiertere Anlageentscheidungen – und passive Investoren, die den Indizes und somit dem Gießkannenprinzip ausgeliefert sind, haben es schwer, ähnlich gründliche Erkenntnisse zu gewinnen wie aktive Anleger. Aus diesem Grund rät Berg, bei Entscheidungen über die Titelselektion die Benchmark nicht zu beachten: „Um ein optimales Anlageergebnis zu erzielen, sollte man sich auf das Beste konzentrieren, was diese neue EM-Welt zu bieten hat – der Rest muss uns nicht interessieren.“

Das bedeutet auch, sich durch negative Schlagzeilen über Konjunkturverläufe nicht verunsichern zu lassen und den Blick stattdessen auf die Perspektiven der einzelnen Unternehmen zu richten. Berg nennt Brasilien und China als Beispiele: „In Brasilien gibt es erstklassige Unternehmen im Bankensektor und im Einzelhandel, denen es während der Rezession gelungen ist, ihre Konkurrenz noch weiter abzuhängen. Nach einer Stabilisierung der Wirtschaft dürften sie wesentlich besser dastehen.“

Ganz ähnlich schätzt Berg die Situation in China ein. „Trotz des allgemeinen wirtschaftlichen Abschwungs verzeichnen die Bereiche soziale Medien, Gaming und Onelinekäufe beeindruckende Wachstumsraten. Unternehmen, die von diesem Wachstumspotenzial profitieren können, sollten sich auch weiterhin positiv entwickeln.“

„Ich spüre vorzugsweise Titelideen auf, bei denen Ineffizienzen im Spiel sind und wo die fundamentalen Fakten besonders komplex sind“, so Berg weiter. „In den Schwellenländern gibt es viele solcher Ideen, aber sie lassen sich nur mit Fundamentalanalysen und Teamarbeit entdecken.“

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